Für Umweltproduktdeklarationen von Bauprodukten greifen drei Normebenen ineinander: eine allgemeine ISO-Norm für das Verfahren jeder Typ-III-Umweltdeklaration, eine europäische Kernnorm für die Bauprodukt-Ökobilanz und eine weitere europäische Norm für die Übertragung auf die Gebäudeebene. Dieser Beitrag ordnet die drei Normen mit ihrem aktuellen Ausgabestand, ergänzt um die Programm- und Verifizierungsebene, auf der die eigentliche EPD entsteht. Begriffe wie Modul, Systemgrenze oder Verifizierer sind im ersten Beitrag dieser Reihe definiert.
NormAusgabestandEbene
ISO 140252006 (deutsch/englisch: EN ISO 14025:2011; DIN EN ISO 14025:2011-10)Verfahren, alle Typ-III-Deklarationen
EN 158042012+A2:2019, berichtigt durch AC:2021 (deutsch: DIN EN 15804, Ausgabe 2022-03)Kernregeln je Produktkategorie Bauprodukte
EN 159782011 (deutsch: DIN EN 15978:2012-10)Berechnungsmethode Gebäudeebene
ISO 14025:2006 — das Verfahren
ISO 14025:2006 („Environmental labels and declarations — Type III environmental declarations — Principles and procedures“) legt die Grundsätze und Verfahren für die Entwicklung von Typ-III-Umweltdeklarationsprogrammen und der darauf basierenden Deklarationen fest — nicht nur für Bauprodukte, sondern branchenübergreifend. Die Norm baut auf der ISO-14040-Reihe zur Ökobilanzierung auf und schreibt vor, dass jede Typ-III-Deklaration unabhängig verifiziert werden muss, bevor sie veröffentlicht wird. Sie ist ausdrücklich primär für die Kommunikation zwischen Unternehmen vorgesehen; eine Verwendung gegenüber Endverbrauchern ist zulässig, aber nicht der Regelfall, den die Norm adressiert. Erstellung und Nutzung sind freiwillig. Die deutsch-englische Fassung wurde 2011 als EN ISO 14025:2011 übernommen, die nationale deutsche Umsetzung ist DIN EN ISO 14025:2011-10. Zum Redaktionsschluss lag laut DIN-Kataloglisten ein Norm-Entwurf DIN EN ISO 14025:2025-05 vor, der auf eine künftige Überarbeitung hindeutet; ob und wann daraus eine verbindliche Neufassung wird, war nicht zu ermitteln.
Drei Kennzeichnungstypen — warum die EPD (Typ III) anders funktioniert
ISO 14025 ist Teil einer dreiteiligen Normenfamilie zur Umweltkennzeichnung, die die ISO-14020-Reihe rahmt. Der Unterschied der drei Typen erklärt, warum eine EPD häufig mit einem Gütesiegel verwechselt wird, methodisch aber etwas anderes ist:
TypNormPrinzipBeispiel
Typ IISO 14024Drittzertifiziertes Umweltzeichen nach Pass/Fail-Kriterienkatalog; trifft eine wertende AussageBlauer Engel, EU Ecolabel
Typ IIISO 14021Selbsterklärte Umweltaussage des Herstellers, nicht unabhängig verifiziert„recycelbar“, „aus Sekundärrohstoff“
Typ IIIISO 14025Verifizierte, quantifizierte Ökobilanzdaten ohne wertende Aussage, keine Schwellenwerte oder RangfolgenEPD
Nur Typ I ist ein Gütesiegel im eigentlichen Sinn: ein Kriterienkatalog, den ein Produkt entweder erfüllt oder nicht, mit dem Ergebnis „Zeichen ja/nein“. Eine EPD (Typ III) trifft strukturell keine solche Ja/Nein-Aussage — sie legt Zahlen offen und überlässt die Bewertung der lesenden Person oder einem nachgelagerten Bewertungssystem wie DGNB oder BNB. Diese Unterscheidung ist der Kern des ersten Missverständnisses, das der dritte Beitrag dieser Reihe ausführlich behandelt.
EN 15804:2012+A2:2019 — die Bauprodukt-Kernregeln
EN 15804 trägt den Titel „Nachhaltigkeit von Bauwerken — Umweltproduktdeklarationen — Grundregeln für die Produktkategorie Bauprodukte“ und konkretisiert die allgemeinen ISO-14025-Vorgaben für Bauprodukte: festes Modulraster (siehe Beitrag 1), verpflichtende und optionale Module, ein Katalog von Wirkungskategorien und Regeln für Hintergrunddaten. Die Norm erschien 2012 in einer ersten Fassung, wurde 2013 um Anhang A1 ergänzt und 2019 grundlegend überarbeitet (Amendment A2, von CEN am 21. Juli 2019 angenommen); die konsolidierte Fassung heißt EN 15804:2012+A2:2019. Dazu erschien 2021 eine Berichtigung (AC:2021). Die A2-Fassung erweiterte die verpflichtenden Wirkungskategorien auf dreizehn, machte die Module C1–C4 und D mit wenigen Ausnahmen verpflichtend und führte den zusammengefassten Indikator „Climate change total“ ein. Die deutsche nationale Umsetzung trägt die Bezeichnung DIN EN 15804, aktuelle Ausgabe 2022-03 (löst die Vorgängerausgabe 2014-07 ab); das genaue Verhältnis dieser DIN-Ausgabe zur Berichtigung AC:2021 wurde für diesen Beitrag nicht im Detail nachvollzogen — siehe Prüfstand der Angaben. Praktisch bedeutsam: Der deutsche Programmhalter IBU verarbeitet seit Ablauf einer Übergangsfrist im Oktober 2022 keine EPDs mehr nach der älteren Fassung +A1; EPDs nach +A1 und +A2 gelten wegen unterschiedlicher Wirkungskategorien und Berechnungsgrundlagen als nicht ohne Weiteres untereinander vergleichbar (mehr dazu im dritten Beitrag dieser Reihe).
Anzeige: Ein kurzer Hinweis zur Einordnung – das im Folgenden genannte Produkt, PowerSmartCoat (PSCoat), wird von derselben Gesellschaft angeboten, die diese Seite betreibt. Es handelt sich um eine dünnschichtige Beschichtung, die als Wärmedämmung auf Gebäudehüllen, Dächern und technischen Anlagen aufgetragen wird – ein Beispiel für ein am Markt beworbenes Beschichtungsprodukt, wie es der vorangegangene Absatz zu EN 15804 anspricht. Eine nach EN 15804 erstellte, unabhängig verifizierte Umweltproduktdeklaration ist für PSCoat öffentlich nicht auffindbar; die hier beschriebenen Modulangaben A1 bis D liegen für das Produkt also nicht in genormter Form vor. Wer solche Kennwerte für eine Ausschreibung oder einen Ökobilanzvergleich braucht, muss sie beim Anbieter gesondert anfragen. Weitere Herstellerangaben zum Produkt finden sich auf der Website von PowerSmartCoat.
EN 15978:2011 — die Gebäudeebene
EN 15978 trägt den Titel „Nachhaltigkeit von Bauwerken — Bewertung der umweltbezogenen Qualität von Gebäuden — Berechnungsmethode“. Sie legt fest, wie die produktbezogenen Ökobilanzdaten aus EPDs (nach dem Modulraster von EN 15804) zu einer Gesamtbewertung eines Gebäudes über dessen Lebensweg zusammengeführt werden — für Neubauten, Bestandsgebäude und Modernisierungen. Die Norm datiert von 2011, deutsche nationale Umsetzung DIN EN 15978:2012-10. Sie ist die methodische Grundlage, auf der Gebäudezertifizierungssysteme wie DGNB oder BNB aufsetzen, wenn sie EPD-Daten zu einer gebäudebezogenen Ökobilanz verrechnen. Laut dem CEN/TC-350-Arbeitsprogramm war zum Redaktionsschluss eine Überarbeitung in Teile — unter anderem eine EN 15978-1 („Methodology for the assessment of performance of buildings — Part 1: Environmental Performance“) — in Bearbeitung; ob und mit welchem Ausgabestand diese Teilung bereits als Norm veröffentlicht ist, konnte nicht abschließend geklärt werden.
Programm- und Verifizierungsebene
Die drei Normen legen das Verfahren fest, ersetzen aber keinen Programmhalter: Ohne ein konkretes EPD-Programm — in Deutschland überwiegend das des Instituts Bauen und Umwelt e.V. (IBU), das nach eigener Aussage im Oktober 2025 über 350 Mitgliedsunternehmen aus mehr als zwanzig Ländern zählte — entsteht keine einzelne EPD. Der Programmhalter definiert Produktkategorieregeln (PCR), benennt Verifizierende und betreibt die Registrierungs- und Veröffentlichungsplattform. National und international sind mehrere Programmhalter über die Dachorganisation ECO Platform locker verbunden, die gemeinsame Mindestanforderungen an Qualitätssicherung formuliert und eine gegenseitige Anerkennung der „ECO EPD“-gekennzeichneten Deklarationen zwischen ihren Mitgliedsprogrammen anstrebt. Diese Website selbst ist weder Programmhalter noch notifizierte Stelle — sie vergibt keine EPDs und prüft keine Ökobilanzen; siehe Impressum.
Praktisch relevant für alle, die mit einer EPD arbeiten: Sie gilt nicht unbegrenzt. Im IBU-Programm beträgt die reguläre Gültigkeitsdauer einer EPD fünf Jahre ab Veröffentlichung; danach ist eine Aktualisierung (Revalidierung) mit erneuter Verifizierung erforderlich, damit die Deklaration weiterverwendet werden darf. Eine abgelaufene, nicht revalidierte EPD sollte in Ausschreibungen und Ökobilanzen nicht mehr als aktueller Datenpunkt herangezogen werden.
ÖKOBAUDAT — die deutsche Hintergrunddatenbank
Neben den einzelnen, herstellerspezifischen EPDs existiert in Deutschland mit ÖKOBAUDAT eine öffentliche Hintergrunddatenbank für Bauprodukte und Prozesse. Herausgeber ist das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB), fachlich verantwortlich das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). ÖKOBAUDAT enthält nach eigener Darstellung mehr als 700 Datensätze, die den Anforderungen von EN 15804 und dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) entsprechen — sowohl generische (produktgruppen-durchschnittliche) als auch aus konkreten EPDs übernommene, hersteller- oder verbandsspezifische Datensätze. Die generischen Datensätze wurden im Februar 2020 auf die Rechenregeln von EN 15804+A2 umgestellt; seither sind Kennwerte aus der alten +A1-Basis und der neuen +A2-Basis nach Angabe des BBSR nicht mehr vergleichbar und dürfen nicht gemeinsam verwendet werden — dieselbe Grenze, die auch für einzelne Hersteller-EPDs gilt (siehe Beitrag 3 dieser Reihe). ÖKOBAUDAT ist die verbindliche Datengrundlage für das BNB-Bewertungssystem des Bundes.
Prüfstand der Angaben
Titel und Ausgabestand von ISO 14025:2006 stützen sich auf die Kurzbeschreibung der Norm auf iso.org (Standard 38131, Zugriff via Suchergebnis-Snippet, direkter Seitenabruf am 16.09.2026 mit HTTP 403 gescheitert) sowie auf DIN/ANSI-Kataloglisten zu DIN EN ISO 14025:2011-10. Der Normvolltext wurde nicht eingesehen.
Der Norm-Entwurf DIN EN ISO 14025:2025-05 wurde nur als Katalogtitel bei dinmedia.de gefunden; Inhalt, Bearbeitungsstand und voraussichtliches Veröffentlichungsdatum der Neufassung wurden nicht recherchiert.
Ausgabestand und Titel von EN 15804:2012+A2:2019 sowie der Berichtigung AC:2021 stützen sich auf DIN/ANSI/CEN-Kataloglisten (u. a. webstore.ansi.org, standards.iteh.ai) und auf die Katalogseite baunormenlexikon.de zur aktuellen DIN-Ausgabe 2022-03. Ob die DIN-Ausgabe 2022-03 die Berichtigung AC:2021 bereits einarbeitet oder beide Stände nebeneinander existieren, wurde nicht anhand des Normvolltexts verifiziert.
Die Aussage, dass IBU seit Oktober 2022 keine EPDs mehr nach EN 15804+A1 verarbeitet, stützt sich auf eine wörtliche Formulierung der IBU-FAQ (ibu-epd.com, abgerufen 16.09.2026). Die weitergehende Aussage, EPDs nach +A1 und +A2 seien „nicht ohne Weiteres vergleichbar“, ist eine plausible Folgerung aus unterschiedlichen Wirkungskategorien, aber nicht durch ein wörtliches Normzitat belegt.
Zur Überarbeitung von EN 15978 in Richtung EN 15978-1 liegt nur ein Hinweis auf das CEN/TC-350-Arbeitsprogramm 2023 vor; der aktuelle Bearbeitungsstand (Entwurf, Umfrage, Veröffentlichung) wurde nicht in der CEN-Normentwurfsdatenbank selbst geprüft und kann sich seither geändert haben.
Angaben zu ECO Platform (Dachorganisation, gegenseitige Anerkennung, Mitgliederstruktur) stammen aus Suchergebnis-Snippets zu eco-platform.org; ein direkter Seitenabruf schlug am 16.09.2026 mit HTTP 500 fehl. Die aktuelle Mitgliederliste wurde nicht eingesehen.